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AKTUELLES & DESIGN STORIES
Interior Design zwischen Trend und Zeitlosigkeit. Was bleibt wirklich?
Wie entstehen Räume, die heute modern wirken und trotzdem morgen noch relevant sind?
1. Was bedeutet „zeitloses Interior Design“ für Sie persönlich? Ist Zeitlosigkeit überhaupt möglich - oder verändert sich unser Geschmack zwangsläufig?
Zeitlosigkeit bedeutet für mich nicht, dass ein Raum über Jahrzehnte unverändert aussieht. Entscheidend ist zunächst, den Zweck und die geplante Lebensdauer eines Raumes zu verstehen und dafür braucht es ein gutes Briefing und einen klaren Austausch mit dem Kunden.
Ein Raum, der für zwei Jahre als Pop-up-Bar gedacht ist, darf und soll vielleicht bewusst, sehr zeitgemäß und trendbewusst gestaltet sein. Bei der grundlegenden Planung würde ich trotzdem langfristig denken.
Bei CØLAB betrachten wir deshalb die sogenannte „White Box“ möglichst als langlebige Basis. Architektur, Raumstruktur, technische Planung und wesentliche Einbauten sollten so konzipiert sein, dass sie auch zukünftige Nutzungen ermöglichen. Für mich verbindet sich darin Zeitlosigkeit mit Nachhaltigkeit: nicht alles neu machen zu müssen, wenn sich Anforderungen verändern.
2. Woran erkennen Sie, dass ein Raum zwar modern, aber nicht einfach nur „trends getrieben" ist?
Ein Raum, der sich stark an aktuellen Trends orientiert erzählt oft sehr schnell, aus welcher Zeit er stammt. Man erkennt bestimmte Farben, Materialien oder Formen und kann sie einem aktuellen Stil zuordnen. Ein moderner, aber nicht trendabhängiger Raum funktioniert anders: Er wirkt selbstverständlich.
Für mich beginnt das bei einer guten räumlichen Struktur - bei Proportionen, visuelle Verbindungen, Licht und Bewegungsabläufen. Erst danach kommen Materialien, Möbel und Details.
Wenn diese Ebenen miteinander funktionieren, entsteht eine gewisse Ruhe. Modernität muss nicht laut sein. Sie kann auch darin liegen, traditionelle Elemente neu zu interpretieren oder mit wenigen gezielten zeitgenössischen Eingriffen eine völlig eigene Atmosphäre zu schaffen.
3. Gibt es Interiors oder einzelne Möbelstücke, die Sie seit Jahrzehnten faszinieren und die Ihrer Meinung nach nie wirklich aus der Mode kommen?
Ja, vor allem Stücke, bei denen Konstruktion, Material und Proportion eine Einheit bilden. Mich faszinieren Möbel, die nicht auf einen dekorativen Effekt angewiesen sind, sondern durch ihre Form und Qualität überzeugen.
Viele Klassiker funktionieren genau deshalb so gut: Sie sind klar genug, um nicht schnell zu ermüden, und gleichzeitig charaktervoll genug, um einem Raum eine klare Identität zu geben. Auch natürliche Materialien haben für mich eine besondere Beständigkeit, weil sie mit der Zeit eher gewinnen als verlieren. Patina, Gebrauchsspuren und kleine Veränderungen machen sie lebendig.
Wirklich zeitlos ist für mich deshalb nicht unbedingt das Minimalistische, sondern das, was eine eigenständige gestalterische Logik besitzt.
4. Warum haben aktuelle Interior-Trends so einen starken Einfluss darauf, wie wir unsere Wohnungen gestalten?
Trends geben Orientierung und schaffen eine gemeinsame visuelle Sprache. Gerade bei Messen oder Showrooms kann ein gewisser „Standard“ sinnvoll sein, weil ein Raum eine möglichst breite Zielgruppe ansprechen und unterschiedliche Kunden erreichen soll.
Bei einer privaten Wohnung, einem Restaurant oder einem anderen persönlich geprägten Ort sehe ich das anders. Hier darf und sollte Gestaltung eine Geschichte erzählen - die Persönlichkeit einer Familie, eines Betreibers oder einer Marke.
Trends können dabei Inspiration sein, sollten aber nicht die Identität des Ortes bestimmen. Für mich liegt die Qualität eines Interiors darin, den richtigen Grad zwischen zeitgemäßer Gestaltung und einer authentischen, individuellen Geschichte zu finden.
5. Haben Pinterest, Instagram und TikTok den Lebenszyklus von Interior-Trends verändert? Werden Trends heute schneller „alt“, weil wir sie ständig sehen?
Definitiv hat sich die Geschwindigkeit verändert. Früher begegnete man einem Gestaltungsthema vielleicht in einer Zeitschrift oder Ausstellung; heute sehen wir innerhalb weniger Minuten Hunderte ähnliche Räume. Dadurch entsteht eine enorme visuelle Wiederholung. Was zunächst besonders wirkt, kann sehr schnell vertraut und anschließend überrepräsentiert erscheinen.
Gleichzeitig sehe ich darin auch eine große Chance: Wir haben Zugang zu einer unglaublichen Vielfalt an Architektur, Materialien und internationalen Gestaltungsideen.
Die entscheidende Fähigkeit ist heute deshalb weniger, Trends zu kennen, sondern sie einzuordnen. Was davon passt wirklich zu einem bestimmten Raum, zu seiner Architektur und zu den Menschen, die ihn nutzen?
Genau diese Auswahl macht den Unterschied.
6. Beobachten Sie manchmal, dass Kund:innen einen bestimmten Trend unbedingt möchten, obwohl er vielleicht gar nicht zu ihrem Zuhause oder ihrer Persönlichkeit passt?
Das kann durchaus vorkommen - und ich finde das zunächst völlig verständlich. Wenn man etwas häufig sieht und emotional darauf reagiert, möchte man es natürlich auch selbst erleben.
Meine Aufgabe wäre dann nicht, einen Wunsch einfach abzulehnen, sondern herauszufinden, was genau daran gefällt. Ist es die Farbe, die Atmosphäre, das Material oder vielleicht nur die Gesamtstimmung eines Bildes? Häufig lässt sich diese Idee dann übersetzen, sodass sie zum eigenen Raum passt.
Das ist für mich ein wichtiger Teil der Planung: nicht ein Referenzbild möglichst genau nachzubauen, sondern herauszuarbeiten, welches Gefühl oder welche Qualität dahinter steht und daraus etwas Eigenständiges zu entwickeln.
7. Welche Elemente eines Interiors dürfen Ihrer Meinung nach durchaus trendbewusst sein | und bei welchen Dingen sollte man lieber langfristig denken?
Trendbewusst darf man meiner Meinung nach überall dort sein, wo sich etwas relativ einfach verändern lässt. Textilien, Kissen, Accessoires, kleinere Leuchten, Wandfarbe oder einzelne dekorative Elemente können einem Raum schnell eine neue Richtung geben.
Bei Boden, Türen, Einbauten, Küchen, Bädern oder maßgefertigten Möbeln würde ich dagegen langfristiger denken. Diese Entscheidungen bestimmen die räumliche Identität und lassen sich nicht ohne Weiteres austauschen.
Auch die Lichtplanung gehört für mich in diese langfristige Ebene, weil sie die Wahrnehmung eines gesamten Raumes beeinflusst.
Die Kunst liegt darin, eine stabile Grundlage zu schaffen und bewusst einige Bereiche offenzulassen, die sich mit der Zeit verändern dürfen.
8. Gibt es Materialien, Farben oder Formen, bei denen Sie sagen würden: „Damit kann man langfristig nichts falsch machen“?
Ich glaube nicht, dass es eine universelle Liste von Materialien oder Farben gibt, mit denen man grundsätzlich nichts falsch machen kann. Entscheidend ist immer der Kontext.
Ein Naturstein kann zeitlos wirken oder völlig beliebig sein, eine kräftige Farbe kann über Jahrzehnte funktionieren oder schnell ermüden. Besonders langlebig empfinde ich Materialien, die ehrlich altern dürfen - Naturstein, Holz, Metall oder hochwertige Textilien beispielsweise.
Auch bei Farben kommt es stark auf Nuancen und Kombinationen an. Für mich sind vor allem natürliche, differenzierte Farbtöne interessant, weil sie sich gut mit unterschiedlichen Materialien und Lichtstimmungen verbinden lassen. Entscheidend ist letztlich nicht der einzelne Stoff, sondern die Qualität des Zusammenspiels.
9. Wie kann man aktuelle Trends integrieren, ohne gleich die gesamte Einrichtung austauschen zu müssen?
Indem man Trends eher als Akzent und nicht als Grundlage versteht.
Ein Raum kann beispielsweise durch neue Textilien, eine Leuchte, ein Kunstwerk oder einzelne Möbelstücke eine völlig andere Wirkung bekommen, ohne dass seine gesamte Struktur verändert wird. Auch Farbe lässt sich gezielt einsetzen - an einer Wand, in einem textilen Element oder als kleiner Kontrast.
Wichtig ist, dass die bestehenden Elemente weiterhin miteinander funktionieren. Ich würde deshalb immer zuerst betrachten, was bereits Qualität und Charakter besitzt. Nicht alles, was älter ist, muss ersetzt werden. Manchmal entsteht gerade durch die Kombination aus Bestehendem und Neuem eine viel interessantere und persönliche Atmosphäre
10. Kann ein Raum zeitlos sein und gleichzeitig sehr individuell und charakterstark wirken?
Unbedingt.
Für mich schließen sich Zeitlosigkeit und Charakter überhaupt nicht aus. Ein zeitloser Raum muss nicht neutral oder zurückhaltend sein. Er kann eine starke Farbe haben, ungewöhnliche Kunst zeigen oder mit markanten Möbeln arbeiten. Entscheidend ist, ob diese Entscheidungen aus einem nachvollziehbaren Gesamtkonzept entstehen. Individualität entsteht dort, wo Gestaltung nicht nur einem Stil folgt, sondern auf die Architektur, die Menschen und ihre Lebensweise reagiert.
Gerade maßgeschneiderte Lösungen können dabei eine wichtige Rolle spielen, weil sie nicht aus einem allgemeinen Schema entstehen. Ein Raum darf Persönlichkeit zeigen. Vielleicht ist genau das sogar eine der besten Voraussetzungen dafür, dass er langfristig interessant bleibt.
11. Welche Rolle spielen persönliche Gegenstände, Kunst, Vintage oder Erbstücke dabei, dass ein Interior über Jahre interessant bleibt?
Eine sehr große Rolle. Persönliche Dinge bringen etwas in einen Raum, das man nicht einfach planen oder kaufen kann: Geschichte.
Ein Kunstwerk, ein Vintage-Möbel oder ein geerbtes Objekt kann einen spannenden Kontrast zu einer zeitgenössischen Einrichtung bilden. Gerade diese Mischung verhindert, dass ein Interior zu perfekt oder austauschbar wirkt. Ich finde Räume besonders interessant, wenn man ihnen ansieht, dass sie gewachsen sind. Dabei muss nicht jedes persönliche Stück ausgestellt werden. Wenige bewusst ausgewählte Objekte können oft stärker wirken als eine Vielzahl dekorativer Elemente. Sie geben einem Raum eine emotionale Ebene und genau diese Ebene verändert sich nicht so schnell wie ein ästhetischer Trend.
12. Ist es vielleicht sogar nachhaltiger, weniger auf Trends zu achten und stattdessen eine Einrichtung zu schaffen, die mit den Bewohner:innen mitwächst?
Ja, denn Langlebigkeit beginnt für mich bereits bei der Planung. Wenn ein Raum gut funktioniert, hochwertige Materialien verwendet werden und Möbel nicht nur für einen kurzfristigen Look ausgewählt werden, entsteht eine viel stabilere Grundlage.
Nachhaltigkeit bedeutet dabei nicht automatisch, möglichst wenig zu besitzen. Es bedeutet auch, bewusst auszuwählen und so zu planen, dass sie langfristig genutzt, repariert, verändert oder weitergegeben werden können.
Besonders wichtig finde ich deshalb die Frage: Wird diese Entscheidung auch in einigen Jahren noch sinnvoll sein? Wenn die Antwort nicht nur ästhetisch, sondern auch funktional und qualitativ überzeugt, ist bereits viel für eine langlebige Gestaltung getan.
13. Gibt es einen Interior-Trend, den Sie aktuell überall sehen, bei dem Sie aber denken: „Das wird in ein paar Jahren niemand mehr sehen wollen“?
Ich bin bei solchen Prognosen vorsichtig. Trends verschwinden selten vollständig, sie verändern ihre Bedeutung. Gerade sehr stark wiederholte Formen oder Gestaltungsmotive können irgendwann übersättigt wirken, während einzelne Elemente später wieder interessant werden, wenn sie neu interpretiert werden.
Deshalb würde ich weniger sagen: „Das wird niemand mehr sehen wollen“, sondern eher: Wenn eine Gestaltung ausschließlich deshalb gewählt wird, weil sie gerade überall präsent ist, besteht ein hohes Risiko, dass sie schnell an Relevanz verliert. Für mich ist die bessere Frage immer: Würde ich dieses Element auch dann noch wählen, wenn ich es die letzten sechs Monate nicht ständig gesehen hätte?
14. Wenn Sie heute einen Raum gestalten müssten, der auch in 15 Jahren noch gut funktioniert: Welche drei Dinge wären für Sie unverzichtbar?
Eine durchdachte räumliche Struktur: Wenn Proportionen, Bewegungsabläufe, Licht und Funktionen stimmen, bleibt ein Raum langfristig belastbar. Konsequente Qualität, Ob bei Materialien, Verarbeitung oder Möbeln, gut gemachte Objekte altern, ohne an Wert zu verlieren.
Echte Persönlichkeit, Ich würde einen Raum nie ausschließlich nach einer ästhetischen Idee gestalten. Er sollte etwas über seine Bewohner:innen erzählen und Raum für Veränderung lassen.
Denn ein Interior, das in 15 Jahren noch funktioniert, muss nicht genauso aussehen wie heute.
Es muss die Möglichkeit bieten, sich weiterzuentwickeln, ohne seine gestalterische Identität zu verlieren.

